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2009-06-09 | Andrew Keen nutzt die Stunde der Stümper

Der Bibliothekscomputer spuckte mir zum Schlagwort »Semantic Web« nicht besonders viele Veröffentlichungen aus – viel Web2.0-Kram. Aber darunter war auch ein Eintrag, der wohl kein Fachbuch war: Andrew Keens »Die Stunde der Stümper« (engl. »The Cult of the Amateur«). Der Untertitel »Wie das Internet unsere Kultur zerstört« steht nicht auf dem Deckel. sonst hätte ich es vielleicht nicht mitgenommen. Aber so wollte ich etwas für meine Bildung tun, über den Tellerrand schauen, meine Softskills anwenden – was man Studenten heute eben so beibringt.

Keen kritisiert das moderne Internet mit seinem user-generated-content. Wikipedia und YouTube sind ihm ein Dorn im Auge. Der Tenor ist einfach: im Internet sind nur Amateuere unterwegs und sie alle sind Dilletanten. In der realen Welt sind alle Profis und machen deswegen alles besser.

Er zitiert das Oxford English Dictionary – (gut und richtig, weil von 16 professionellen Lexikografen gemacht) – und da steht, das ein Amateur jemand ist, der etwas unentgeltlich, als Hobby, einfach gern macht. Klar, der Begriff kommt ja aus dem französischen und heißt wörtlich »Liebhaber«. Im EOD steht dann aber auch, dass Amateur auch abwertend für Dilletant gebraucht wird. Und damit hat Keen sein Fressen gefunden. Damit ist für ihn der Beweis erbracht, dass Amateure alles Stümper sind, keine Befähigung zu dem haben, dass sie da tun. Keine Ausbildung, keine Abschlüsse, kein Geld – ergo keine Qualität.

Ganz im Gegesatz dazu sieht er die Profis: Gut ausgebildet, verantwortungsvoll, angefüllt mt Stolz auf Ihren Berufsstand, integer. Als Beispiel präsentiert er die Ärzte. Nur Beispiele sind keine Beweise und spätestens bei den Journalisten ist es vorbei damit. Journalist darf sich jeder nennen – egal wie er ausgebildet ist. Jeder darf damit seinen Lebensunterhalt vedienen und genau so sieht die Medienlandschaft heute in Deutschland aus. Gegen das Persönlichkeitsrecht zu verstossen ist kein investigativer Journalismus. Sich kaufen zu lassen und genehmen Politikern ein nettes Interview zu schenken ist nicht unabhängig und überparteilich.

Andrew Keen hat zwar recht damit, dass es auf Youtube jede Menge schlechter, belangloser Videos gibt – Niedliche Hunde, fallende Kinder usw. Er tut aber so, als gäbe es das im Fernsehen nicht. Dort heißt es dann „America’s funniest Homevideos“. Die guten Videos erwähnt er nicht.

Im Internet kann jeder schreiben, was er für die Wahrheit hält – Wikipediaartikel kann jeder editieren. Das lässt sich misbrauchen und dieser Misbrauch wird auch versucht – z.B. können sich Firmen positiver darstellen, als sie sind. Andrew tut nun aber wieder so, als gäbe es dazu kein Äquivalent im RL: gekaufte Beiträge in Tageszeitungen sind aber an der Tagesordnung. Den Wikipediaeintrag kann man korrigieren, die Tageszeitung ist raus und unveränderlich. Wie wünschte ich mir, ich könnte so manchen Bild-Artikel korrigieren.

Verschwörungstheorien, Mystizismus, politisch motivierte Fehlinformation und Geschichtsklitterei, offene und versteckte Werbung, Manipulation – all das gibt es doch nicht erst seit dem Web2.0. Das sind doch alles keine Erfindungen des Silicon Valley. Das kommt aus Hollywood, New York, Washington, Berlin, Hamburg, Köln oder wo auch immer Medien, Witschaft und Politik gemacht werden.

Ich hab Keens Machwerk bis Seite 47 gelesen und mag erstmal nicht weiterlesen. Herr Keen möge mal erkennen, dass Amateur und Profi sich nur in ihrer Motivation unterscheiden, nicht in der Qualität ihres Tuns. Der Amateur tut es aus Liebe, der Profi für’s Geld. daraus abzuleiten, einer von beiden täte es besser, ist einfach nur falsch. (nicht »diskussionswürdig« oder »nicht ganz korrekt«. Nein. Einfach nur falsch)

[Update] btw. der Typ schreibt selbst einen Blog, twittert und scheint ein Apple-Fanboy zu sein – er hält Steve Jobs für einen Revolutionär. Naja, Ansichtssache. Sein Buch hat er auch geschrieben, obwohl er kein ausgebildeter Schriftsteller ist. Er ist wohl sein eigenes Gegenbeispiel. Kurz und Gut, der Mann ist ein Troll. und ich hab ihn hiermit gefüttert. Verdammt.