Artikel mit ‘Piraten’ getagged

2009-09-26 | Nazi-Nerds

»Jungle World«– Autorin Elke Wittig verortet die Piraten ganz Rechts. Nun gut, die Piraten erfahren nicht nur Zuspruch, sondern auch einiges an Gegenwind und so mancher vermutet die Piraten da, wo er schon immer seine Gegner gesehen hat. Hinter der »Postideologie« der Piraten, also der Verweigerung gegenüber Links-Rechts-Einordnungen, vermutet sie eine verschleierte braune Gesinnung.

Woher sie nun den Begriff »postideologisch« herhat, kann ich grad nicht nachvollziehen. Der steht nicht im Wahlprogramm, nicht auf der Webseite, nicht im Wiki, selbst im Forum taucht er erst seit kurzer Zeit auf. In zwei Artikeln, von denen sich einer mit dem Kommentar von Frau Wittig beschäftigt und in einem, in dem eine Benutzerin fragt, was dieses »postideologisch« denn nun heißen soll. Aber selbst wenn jemand die Piraten im Forum so genannt hätte, wäre das ja nun kein offizielles Statement. Denn dort steht auf jeder Seite oben in Rot:

Nicht alle Foreneinträge sind politische Aussagen oder Meinungen der Piratenpartei! Dies ist ein öffentliches Forum.

Die Krone setzt sie dem ganzen auf, in dem Sie die Piraten zu »Nazi-Nerds« erklärt. Das ist nach »Pädokriminelle« wohl das Zweitblödeste, dass man den Piraten unterstellen kann. Wer Nerds kennt, weiß, dass Nazi und Nerd etwa so gut zusammen passen wie Riesen und Pony oder minderjährig und Rentner. In Foren und auf Mailinglisten gilt die Erkenntnis: Wenn der Nazivergleich kommt, ist die Diskussion gestorben. Das kann man für den Artikel von Frau Wittig wohl auch so sagen.

Fakeflyer Piraten

Diesen Fake-Flyer kolportiert die Jungle World auch noch. Runenschrift Frakturschrift, Runen, Heil, Junge Freiheit, Bodo Thießen, Kinderporno — alles beisammen und wild zusammengewürfelt, was man den Piraten anlasten kann. So in die rechte Ecke gestellt zu werden, ist schon nicht mehr nur Satire, sondern für mein Empfinden reichlich unterhalb der Gürtellinie. Die meisten anderen Piraten in Brandenburg sehen das etwas entspannter als ich.

Alles in allem scheint die Jungle World einen neuen Lieblingsfeind zu haben. Frei nach dem Motto: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Was kein Apfel ist, ist eine Banane. Steffen Reiche hält uns für Sozialdemokraten, Elke Wittig für Nazis. Nazis halten die Piraten übrigens für Linksextreme. Jeder sieht in den Piraten also in den Piraten eine neue Inkarnation seiner alten Gegner.

PS: Die Ankündigung der britischen TV-Serie IT Crowd auf einem deutschen Fernsehsender betitelt JW mit »Die Computerdeppen«. Man hasst bei der JW die Nerds, wie der Text verrät. Mein Beileid geht an die EDV-Abteilung im Verlag.

2009-09-25 | Wider die Piraten

Vorgestern Nacht haben ein paar selbsternannte Anarchisten die Bundesgeschäftstelle der Piraten in Berlin mit Parolen besprüht. Mal abgesehen, dass eine solche „Heldentat“ bestimmt nicht in einer Reihe mit dem Antifaschistischen Widerstand im dritten Reich oder dem freiwilligen Einsatz im spanischen Bürgerkrieg genannt werden muss … also davon mal abgesehen, fragt man sich, was dass soll.

Ich wage mal den Ansatz einer Erklärung: So wie vielen anderen Bewegungen und Parteien geht den Anarchisten der Arsch auf Grundeis. Sie sehen, wie erfolgreich die Piratenpartei sich ausbreitet. Ich hoffe, die Anarchisten, die solche Aktionen nicht durchführen, verzeihen mir die Verallgemeinerung.

Während die Täter vom Mittwoch in ihrem Bekennerschreiben sich klar gegen die parlamentarische Demokratie aussprechen, stellen sich die Piraten genauso klar als Partei und damit als Teil des Systems dar. Den Anarchisten muss dass natürlich wie ein Verrat vorkommen. Da wird ihnen die Gefolgschaft entzogen und damit alle Hoffnung auf die kommende Weltrevolution — oder was auch immer sie sich erwarten. Ihnen laufen die Leute weg, in eine Richtung in der sich noch etwas bewegen lässt.

böses Guerilla-Marketing

Auch die Art, wie die Piraten Wahlkampf machen, scheint zu missfallen. Bloß weil Sprühschablonen auch schon bei den Werbeagenturen angekommen sind, meinen die Parolen-Frei-Hand-Sprüher, die Piraten wären kommerziell und deswegen verdammenswert. Weil jetzt einige aus ihren Reihen offen mit den Piraten sympathisieren oder sie auf Demonstrationen nicht mehr allein die Aufmerksamkeit kriegen, verhalten sie sich wie bockige Kinder.

Ich halte es für ein verblendetes Weltbild, wenn man meint, den Alleinvertretungsanspruch für Freiheit zu haben und man jedem anderen, der für Freiheit auftritt, Heuchelei unterstellt. Eure Märtyrer-Rolle allein gegen das böse System seht nur ihr. Ihr wollt einen aussichtslosen Kampf führen, damit dieser Kampf nie endet. Bitte tut das. Aber lasst uns den politischen Alltag mitgestalten und verändern.

Feindbilder statt Ziele

Auf diesen geistigen Nährboden entwickelt sich auch das Autos anzünden. Lernt es: die Karren sind versichert und im nächsten Jahr gibt’s ohnehin eine neue. Die Kosten werden auf die restlichen Versicherten verteilt und gut ist. Ihr liefert nur den Law-and-Order-Politikern den Vorwand, unser aller Freiheit zu beschränken und die Piraten müssen Eure Dummheiten dann wegargumentieren. Es ist nicht leicht, jemandem klarzumachen, dass ihr paar Anarcho-Spinner keine Terroristen seid.

Ein paar Worte zur Anarchie: Ich kann mich sehr dafür begeistern, mehr Bereiche herrschaftsfrei zu gestalten. Wir Leben an manchen Stellen im Internet eine Anarchie, von der Ihr nur träumt. Schreibt euch mal auf der Brandenburger Mailingliste der Piraten ein.

Anarchie ist machbar, Herr Nachbar

Nach dem Klick gibt es das vollständige Bekennerschreiben, dass auf IndyMedia leider nicht so einfach abzurufen ist. (mehr …)

2009-08-15 | Hamburger Abendblatt und das böse Internet

Deutschland, im Jahre des Herrn 2009. Die ganze Republik bemüht sich, das Internet zu verstehen. Nur in einer kleinen Redaktion in Hamburg leistet man verbissen widerstand. So leicht will man die alten Vorurteile nicht aufgeben. Da es zum Kommentar „Unerträgliche Leichtigkeit“ von Karl Günther Barth keine Möglichkeit des Kommentars gibt, gibt es ihn hier.

Lieber Herr Barth,

das meinen Sie doch nicht etwa ernst? Das Internet ist Kommunikation und eine kulturelle Bereicherung, von der die großen Geister der vergangenen Jahrhunderte nur zu träumen wagten. Immer noch wird es aber verteufelt, wie einst Video, Fernsehen, Kofferradios und Rock’n’Roll. Der Untergang des Abendlandes ist trotzdem ausgeblieben — oder er hat stattgefunden und wir haben’s nicht bemerkt, weil das Fernsehen nicht dabei war?

Die Piratenpartei will Löschung und Strafverfolgung statt Stoppschildern, hinter denen das Leiden der Kinder nur weitergeht. Wer verletzt die Würde von Kindern mehr? Derjenige, der die Opferverbände, Experten und eine Mehrheit der Internetbevölkerung hinter sich hat oder diejenige, die Kinderpornografie der Presse vorführt und auf dem Rücken der Opfer von sexuellem Misbrauch Wahlkampf betreibt? In Hamburg haben Sie übrigens die wirkweise der Stoppschilder von Frau v.d. Leyen direkt vor der Haustür. Gehen Sie doch bitte an der Herbertstr. vorbei. Sehen sie die Sichtblenden an und sagen Sie ehrlich: Ändern sie etwas an dem Treiben dahinter?

Respekt vor den Mitmenschen drückt die Internetgemeinde seit Jahrzehnten in den Netiquette genannten Regeln aus. Bitte mal bei Wikipedia nachschauen, was das ist. Wikipedia ist Teil des achso bösen Internets, in dem ja auch das HA schreibt. Und wenn man auf Schritt und Tritt das ‚Urheberrecht‘ verletzt, das nur noch ein Verwerterrecht ist und die Urheber mit Almosen abspeist, stimmt dann nicht viel eher etwas mit der Gesetzgebung nicht?

Von Herrn Tauss werden die Piraten Abstand nehmen, wenn er denn rechtskräftig verurteilt würde. Solange dem nicht so ist, gilt er im Rechtsstaat als unschuldig.

Zu den Cybercops empfehle ich Ihnen den Beitrag von Herrn RA Udo Vetter lesen. Das Internet bietet auch diese Möglichkeit der Information. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich die Forderung nach mehr Internetstreifen nämlich als populistishes Gewäsch.

Sie sind stellv. Chefredakteur und wurden selbst vom BND ausspioniert. Dass gerade Sie als Journalist und Betroffener keinerlei Sensibilität zu Themen wie Informationsfreiheit und Zensur an den Tag legen, verwundert mich zutiefst. Wie viele Dokumente zum Thema Elf Aquitaine hätten sie wohl über Wikileaks oder andere Whistleblower-Seiten bezogen, wenn es sie denn damals schon gegeben hätte? Wissen Sie denn, dass gerade diese Seiten sehr schnell hinter einem Stoppschild verschwinden werden, wenn das Zugangserschwernisgesetz durch ist?

Man wird als dummer Mensch nicht Vize-Chefredakteur, also Herr Barth, überdenken Sie Ihre Position. Es ist nicht leicht, die Standpunkte der Piratenpartei zu verstehen, wenn man nicht selbst zu Netizens (Generation-C64, digital natives, anderer Modename) gehört. Aber Sie sind sicher nicht Journalist geworden, um leicht alte Phrasen nachzuplappern. Ich erwarte Ihren nächsten Kommentar mit einer gewissen Vorfreude.

Update: Weil das Internet es so einfach macht, habe ich diesen Text auch als Leserbrief an die Redaktion des HA geschickt.

Hintergrundinfo und Ironie der Geschichte (sicher keine Verschwörungstheorie): Barth hat als Stern-Autor in den 90ern über die Schmiergeldaffäre um den Verkauf der der Ostdeutschen Leunawerke an die französische Elf Aquitaine recherchiert. Schmiergelder sollen dabei u.a. an die CDU geflossen sein, deren Schatzmeister zu der Zeit der heutige Innenminister Wolfgang Schäuble war.