2009-07-22 | Piraten-Vorurteile

Logo der Piratenpartei

Ich hab mich heute mal umgeschaut, was www.politik.de zur Piratenpartei zu sagen hat. In den Kommentaren zu dem Beitrag fan sich auch folgender Beitrag vom Benutzer jakob — und um Vorwürfen aus dem Weg zu gehen, hier vollständig zitiert:

Piraten sind Kriminelle, welche das Rechte schwächerer Seefahrender auf Unverletzlichkeit ihrer Person und ihres Eigentums mißachten.

Die Piraten-Partei ist eine Ein-Themen-Partei, welche geistiges Eigentum staatlicher geförderter Forscher und Künstler ablehnt und Patentlaufzeiten verkürzen will. Im deutschen Wahlprogramm fehlen allerdings konkrete Laufzeitvorschläge.

Prominentestes deutschen Mitglied ist ein Bundestagsabgeordneter, der nach Ermittlungen wegen des Besitzes von Kinderpornographie aus der SPD austreten mußte.

Die etablierten Parteien können die Piraten-Partei schnell überflüssig machen.

das sind die wohl häufigsten Fehlannahmen über die Piraten auf einen Blick. Grund genug, diese mal auseinanderzunehmen.

Piraten sind Kriminelle
„Piraten sind Mörder und Terroristen“ warf mir jemand an den Kopf, als ich um eine Unterstützungsunterschrift bat — und er denkt dabei an die Piraten am Golf von Aden.

Softwarepiraten, Raubkopierer, Killer-Spieler sind die Begriffe aus der Kampfrhetorik, mit denen Internetnutzer heute denunziert werden. Kein Spieler tötet auch nur einen Menschen, kein Filesharer bedroht jemanden mit der Waffe, um an fremdes Eigentum zu gelangen. Die Piraten haben nur einen dieser Begriffe aufgegriffen und sagen: Schaut her! Wir sind es, die Ihr hier beschimpft. wenn ihr uns schon so nennen wollt, dann machen wir das offiziell. Wir sind Piraten.

Die Ein-Themen-Partei
Woher das wohl kommt? Die Piratenpartei vertritt viele Themen.

  • Freiheit im Internet (Thema: Bürgerrechte, gegen Zensur, Onlinedurchsuchung und Vorratsdatenspeicherung)
  • Abschaffung von Studiengebühren (Thema: Bildung)
  • OpenAccess, gegen die geistige Enteignung der Forschung (Thema: Forschung)
  • Erhalt der Privatkopie (Thema: Urheberrecht)
  • Transparenz von Entscheidung (Thema: Lobbyismus)
  • mehr Basisdemokratie (Theam:Bürgerentscheide)

dazu kommen Grundrechte, Datenschutz, Patentrecht, Informationelle Selbstbestimmung und die Landes- und Ortsverbände werden jede Menge lokaler Themen besetzen — in Cottbus wird die Straßenbahn ein Thema sein. Das sind viele Themen — für eine so junge Partei sogar sehr viele.

Will man Thema eher im musikalischen Sinne verstehen, also als eine in vielen Variationen widerkehrende Erkennungsmelodie, dann gibt es bei den piraten genau eine: Freier Zugang zu Kultur, zum Internet, zu Bildung und Wissen, zur politschen Willensbildung, zu Infrastrukturen, zum gesellschaftlichen Leben. Für jeden, versteht sich.

Geistiges Eigentum
Was ist dieses geistige Eigentum, von dem immer wieder erzählt wird? Es handelt sich dabei nicht um Eigentum — es lässt sich nicht vererben, es verpflichtet nicht (Art.14 GG) es lässt sich also nicht rauben oder stehlen — es geht dabei um immaterielle Güter.

Es sind nicht die Piraten, die Künstler und Wissenschaftler enteignen wollen, sondern Wissenschaftsverlage und die Labels, die derzeit Gewinn mit ‚geistigem Eigentum‘ machen, dass ihnen nicht gehört. Die eigentlichen Urheber, deren Rechte wir schützen wollen, bekommen davon nur Brosamen ab. Ein Forscher muss alle seine Rechte an einem wissenschaftlichen Aufsatz (einem sog. paper) an den Zeitschriftenverlag abgeben, der ihn drucken soll. Die Universitäten geben jedes Jahr Unsummen für die Zeitschriften aus. Teilweise kosten vierteljährlich erscheinende Zeitschriften über 1000€ im Jahr. Die Unis, und damit der Steuerzahler, zahlen für die forschung also doppelt. OpenAccess ist hier eine Alternative, um das internet für wissenschaftliche Publikationen zu nutzen.

Jede schöpferische Leistung baut auf den Werken anderer auf. Der Erfinder des Automobils hat nicht gleichzeitig das Rad und den Verbrennungsmotor erfunden — aber er konnte die Erfindungen seiner Vorgänger nutzen. Anerkannte wissenschaftler vertreten inzwischen den Standpunkt, dass Laufzeiten von 5 Jahren als vorübergehender Monopolschutz ausreichen, wenn es denn überhaupt einen solchen geben soll.

Personalien Tauss
ist aus eigenem Antrieb aus der SPD ausgetreten und –hier greif ich mit meiner Meinung dem Verfahrensausgang vor– er wurde aufgrund seiner kritischen Haltung aus dem Amt gemobbt und die Vorwürfe sind ein Mittel zu genau diesem Zweck.

Ob er nun der prominenteste Pirat, wag ich zu bezweifeln.

Es stellt sich die hier aber die Frage, was in unserer Gesellschaft verkehrt läuft, wenn die bloße Anschuldigung ausreicht, um ein Karriere zu zerstören. Es gehört auch eine vernünftige Debatte über Kinderpornografie (Löschen statt Sperren!) und unseren Umgang mit Pädophilen (Helfen statt Verteufeln!) in dieses Land.

„Die etablierten Parteien können die Piraten-Partei schnell überflüssig machen.“
wie man sieht, haben sie die Piraten erst notwendig gemacht.

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